Interview16.06.2017
"Für unser Anlagemodell kommt Russland nicht in Frage"

Thierry Larose, Carl Vermassen, Ophélie Mortier, Quirien Lemey von Degroof Petercam (v.l.n.r)

Die Experten von Degroof Petercam beurteilen Unternehmen wie auch Staaten nach ESG-Kriterien, um nachhaltigen Mehrwert in den Portfolios zu schaffen. Russland gehört nicht dazu, wie sie im Interview darlegen.


Mit Ophélie Mortier, Chefstrategin Nachhaltigkeit, Quirien Lemey, Portfolio Manager des Fonds DPAM Invest B Equities World Sustainable sowie Carl Vermassen und Thierry Larose, Portfolio Manager des Fonds DPAM L Bonds Emerging Markets Sustainable, nehmen vier Experten von Degroof Petercam im Interview mit Fondstrends Stellung zum Thema nachhaltiges Investieren. 


Welche Ziele verfolgt Degroof Petercam Asset Management (DPAM) im Hinblick auf verantwortungsvolles Investieren?

Ophélie Mortier: Das erste Ziel besteht darin, zwei zeitliche Dimensionen miteinander in Einklang zu bringen, nämlich die mittelfristigen ESG-Herausforderungen und die finanziellen Ziele, also die Renditen, welche allzu oft kurzfristig orientiert sind. Das integrierte ESG-Research, d. h. traditionelle finanzielle Analysen mit einer überlagernden Nachhaltigkeitskomponente, ist daher bestrebt, sämtliche Risiken und Chancen einer Anlage vollständig aufzulisten. Dies sollte jedoch nicht als ein Herausfiltern von Anlagemöglichkeiten verstanden werden, sondern vielmehr als eine Art und Weise, sich unabhängig von der Zielsetzung der Finanzanalyse auf die besten nachhaltigen Gelegenheiten zu fokussieren. ESG-Ansätze, also solche die ökologische, soziale und Governance-Kriterien in den Mittelpunkt stellen, findet man in vielen Bereichen. Dabei ist es  entscheidend, effizient zu arbeiten und sicherzustellen, dass alle Kriterien auf jeden einzelnen Sektor abgestimmt sind. Innert jedes Sektors müssen dann die wichtigen ESG-Fragen gestellt werden.

Ein weiteres Ziel besteht darin, Portfolios mit einem optimierten Risiko/Rendite-Profil aufzubauen. Durch den Ausschluss von nicht nachhaltigen Unternehmen und Konzernen, die Anwendung eines „Best-in-Class“-Filters und das Aufnehmen eines Dialogs mit den Geschäftsführungen der Unternehmen sind wir in der Lage, das Risiko-Rendite-Verhältnis unserer Fonds und Mandate zu optimieren. 

Auf welche ESG-/Nachhaltigkeitskriterien konzentriert sich DPAM?

Ophélie Mortier: DPAM konzentriert sich auf diejenigen Kriterien, die Einfluss auf die wichtigsten Triebkräfte und die bedeutendsten finanziellen Parameter eines Unternehmens haben. Wir ermitteln zunächst die mit ESG-Aspekten verbundenen strategischen Herausforderungen. Anschliessend konzentriert sich unser Ansatz auf wesentliche Indikatoren, die gewährleisten, dass eine optimale Ausgewogenheit besteht zwischen den mittelfristigen Herausforderungen und der Art, wie Unternehmen oder Länder darauf vorbereitet sind mit ihnen umzugehen. Wir wollen alle ESG-Kriterien definieren, die erheblichen Einfluss auf das nachhaltige Handeln eines Unternehmens und folglich auf die Schaffung von nachhaltigem Shareholder Value haben.

Die ESG-Analyse und die daraus resultierenden verantwortungsvollen Anlagen werden seit einigen Jahren vorwiegend zur Beurteilung von Unternehmen herangezogen. Soziale Aspekte und Unternehmensführung sind vor dem Hintergrund der Finanzmärkte von zentraler Bedeutung. Aber auch Staaten können nach ESG-Kriterien beurteilt werden. So können Regierungen eine wichtige Rolle spielen, indem sie effiziente rechtliche Rahmenbedingungen schaffen.

Welche Ressourcen haben Sie, um Ihren ESG-Investmentansatz umzusetzen?

Ophélie Mortier: Um alle Initiativen des verantwortungsvollen Anlegens zu straffen und einen proaktiven Ansatz zu entwickeln, haben wir die Lenkungsgruppe für verantwortungsvolles Anlegen (Responsible Investment Steering Group, RISG) eingerichtet. Sie besteht aus zwölf Experten aus verschiedenen Abteilungen der Degroof Petercam Gruppe. Ihr Ziel ist es, über ESG-Herausforderungen nachzudenken und sicherzustellen, dass unser Ansatz, unsere Methodik, unsere Produkte und Dienstleistungen jederzeit transparent und kohärent sind. Aufgabe der Lenkungsgruppe ist es zudem zu gewährleisten, dass unsere Grundsätze für verantwortungsvolle Anlagen mit den zehn Prinzipien für verantwortliches Investieren der Vereinten Nationen (UN PRI) in Einklang stehen. Das Kompetenzzentrum für verantwortungsvolle Anlagen lenkt alle Initiativen, Methodiken und Projekte im Zusammenhang mit ESG-Aspekten von Anlageprozessen und arbeitet eng mit den verschiedenen Fachbereichen, wie: festverzinsliche Anlagen, Anleihen-Research, Aktien-Research und Portfoliomanagement zusammen.

Zudem fungiert das Kompetenzzentrum als bevorzugte Anlaufstelle für UN PRI und andere mit verantwortungsbewussten Anlagen befasste Instanzen (Beama, Eurosif suw.) und berichtet dem Vorstand von DPAM. Der Beirat für festverzinsliche Anlagen (Fixed Income Advisory Board, FISAB) ist insofern ebenfalls von grosser Bedeutung, als er sich aus vier internen und vier externen Experten zusammensetzt, die uns dabei helfen, unser Nachhaltigkeitsmodell für Länder zu optimieren.

Warum ist es wichtig, auch Portfolios aus Schwellenländer-Staatsanleihen nach ESG-Kriterien zu managen? 

Carl Vermassen: Anders als Industrieländer haben nicht alle Schwellenländer Mindeststandards im Hinblick auf Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung definiert. In unserem Modell sind Transparenz und Respekt für demokratische Werte aber von zentraler Bedeutung. Ohne sie kann es keine Demokratie geben. Nachhaltiges Investieren bedeutet nicht nur, sich ein klares Bild zu verschaffen. Es geht nicht nur um ein Gefühl von „richtig und gerecht“, sondern darum, langfristige wirtschaftliche und gesellschaftliche Chancen zu nutzen und Wert durch solide Führung zu schaffen. Hierzu gehört die Betrachtung langfristiger Triebkräfte für gesellschaftliche Entwicklungen. Ausserdem geht es um die Qualität der Institutionen, von denen man erwartet, dass sie diesen Prozess leiten.

Thierry Larose: Für uns muss sich ein nachhaltiges Land uneingeschränkt für die Freiheit seiner Bürger einsetzen, in die persönliche Entwicklung und das Wohlergehen der Bürger investieren (Bildung, Gesundheit, Wohlstand) und Respekt für die Umwelt sowie Zuverlässigkeit in seinen internationalen Verantwortlichkeiten unter Beweis stellen. Nehmen wir beispielsweise Russland, das nach unserem Modell nicht für Anlagen in Frage kommt, weil es kein freies Land ist. Es hat einen wirtschaftlichen Boom erlebt, aber der undemokratische Charakter des russischen Wachstums hat letztendlich zu einem Ungleichgewicht in der Wirtschaft geführt, die fast ausschliesslich auf Öl und Gas ausgerichtet ist. Glücklicherweise besteht das Schwellenländeruniversum nicht nur aus Russland, so dass wir unter den 87 Ländern, die wir analysieren, überzeugendere Länder für Anlagen ausmachen können. Dies führt zu einem der besten Risiko-Rendite-Verhältnisse, das unser Emerging Markets Sustainable Debt Fonds innerhalb seiner Vergleichsgruppe vorweisen kann. 

Wie lässt sich das Investieren in weltweite Unternehmen mit Nachhaltigkeit vereinbaren? Können Sie ein Beispiel von solchen Unternehmen nennen?

Quirien Lemey: Bei der Verwaltung von Vermögen achten wir sehr genau auf die Qualität von Unternehmen, auch im Hinblick auf ESG-Leistungen. Laut wissenschaftlichen Studien weisen Unternehmen mit einem guten Ruf im Bereich ESG – beispielsweise solche, die Umweltaspekte in ihre Prozesse integrieren oder solide Praktiken der Unternehmensführung haben – höherwertige Geschäftsprozesse auf. Deshalb halten wir uns von Unternehmen fern, die sich nicht an die Global Compact-Prinzipien halten und in Bezug auf ESG-Kriterien kontrovers geführt sind.

Im vergangenen Quartal haben wir zum Beispiel in Accenture investiert, die als hochwertige, weltweit führende Gesellschaft im Bereich Beratung, Technologie sowie Freisetzung und Wiedereingliederung von Mitarbeitern gilt.

Das Unternehmen konzentriert sich auf Wachstum, um die Führungsrolle bei digitalen Dienstleistungen zu übernehmen. In diesem Bereich plant Accenture, das Wachstum von digitalen Dienstleistungen, Cloud-Dienstleistungen und deren Sicherheit zu steigern. Die bedeutendsten Herausforderungen liegen in erster Linie im Humankapital, mit anderen Worten in der Fähigkeit, IT-Talente zu gewinnen und zu halten, sowie im Schutz und der Sicherheit von privaten Daten.

Accenture ist sich darüber im Klaren, welches Risiko für den Ruf der Kunden besteht und welche Auswirkungen es hat, wenn Bestimmungen zum Schutz persönlicher Daten verletzt werden oder es zu Cyber-Angriffen kommt. Deshalb hat das Unternehmen ein globales Datenschutzprogramm eingeleitet, das nach ISO-Standards zertifiziert ist. Mitarbeiter werden für den Umgang mit vertraulichen Daten speziell geschult. Die Tatsache, dass es noch keine schwerwiegenden Zwischenfälle gegeben hat, zeigt, dass das Unternehmen gut gerüstet ist, um diese bedeutende Herausforderung zu meistern. Accenture investiert pro Jahr fast eine Milliarde US-Dollar in die Schulung und Entwicklung ihrer Mitarbeiter mit dem Ziel, die besten Leute zu gewinnen und zu halten. In dieser Hinsicht hebt sich das Unternehmen von seinen Mitbewerbern ab.


Autor: jog

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