Interview08.11.2018
"Die Autoindustrie wird sich in den nächsten Jahren von Grund auf verändern"

Thiemo Lang, Senior Portfolio Manager bei RobecoSAM

Elektro-Fahrzeuge haben sich in Sachen Mobilität als valable Zukunftsvision etabliert. Thiemo Lang, Senior Portfolio Manager bei RobecoSAM, zeigt die vielversprechenden Aussichten für die Branche auf, aber auch Gefahren, die es etwa beim Wasserstoffantrieb und beim Carsharing gibt.

Elektroautos sind noch nicht sehr weit verbreitet und noch immer teurer als konventionelle Diesel- oder Benzinfahrzeuge. Was wird für den entscheidenden Nachfrageschub auf Verbraucherseite sorgen?

Thiemo Lang: Die globale Autoindustrie wird sich in den nächsten Jahren von Grund auf verändern, wenn neue Technologien und der Konsumwandel die bestehenden Geschäftsmodelle in Frage stellen. 2017 wurden weltweit mehr als eine Million Elektro- oder Hybridfahrzeuge verkauft – 50% mehr als im Vorjahr – und die Zahlen für 2018 sprechen für eine Fortsetzung dieses Trends. Tatsächlich wird inzwischen davon ausgegangen, dass noch deutlich vor 2040 mehr Elektrofahrzeuge als Autos mit Verbrennungsmotor verkauft werden.

Für diese Entwicklung sind mehrere Faktoren verantwortlich. Die Produktionskosten von Elektrofahrzeugen werden wahrscheinlich deutlich schneller sinken als zunächst erwartet. Zum einen werden sich die Batteriekosten – eine der grössten Kostenkomponenten von E-Fahrzeugen – in den nächsten drei Jahren halbieren. Darüber hinaus sinken die Produktionskosten durch die Realisierung von Grösseneffekten und das einfachere Fahrzeugdesign im Vergleich zu traditionellen Modellen. Ein Elektrofahrzeug hat weniger bewegliche Teile als ein konventionelles Auto, was die Montageprozesse verkürzt und die Instandhaltung durch den Besitzer vereinfacht.

Strom ist nicht so teuer wie Benzin oder Diesel, daher sind E-Fahrzeuge im laufenden Betrieb günstiger. Mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Energieträger – Solar- und Windkraft – am Strommix werden die Ladekosten zudem weiter sinken. Wir gehen davon aus, dass E-Fahrzeuge in der Gesamtkostenrechnung bereits 2022 besser dastehen werden als Benzin- und Dieselfahrzeuge.

Immer mehr Hersteller drängen mit neuen Elektroauto-Modellen in die Schlagzeilen. Was steckt hinter diesem Wettrennen? Gibt es neben den Kostenerwägungen noch andere Faktoren, die die Nachfrage nach E-Autos befeuern?

In praktisch allen grossen entwickelten und aufstrebenden Märkten sorgen neue Regulierungen in der E-Mobility-Branche für enormen Rückenwind. Immer mehr nationale, bundesstaatliche und kommunale Regierungen führen ambitionierte Zielwerte für die Reduktion der CO2-Emissionen ein.

Durch Optimierungen des klassischen Verbrennungsmotors ist der Ausstoss bereits gesunken. Das Optimierungspotenzial in diesem Bereich wird aber schon bald ausgeschöpft sein. Für die Autohersteller ist die Umstellung auf E-Flotten der einzig mögliche Weg nach vorne.

Dennoch ist wichtig festzuhalten, dass die Regulierung die Verbrauchernachfrage bis jetzt zwar befördert hat, die grössten Nachfrageimpulse aber schon bald von reinen Wirtschaftlichkeitserwägungen ausgehen werden – wenn nämlich die Gesamtkosten für den Verbraucher die konventioneller Benzin- oder Dieselautos nicht mehr übersteigen.

Regierungen und Aktivisten schätzen E-Fahrzeuge für ihren Beitrag zur Bekämpfung der Luftverschmutzung. Aber gibt es auch eine echte Nachfrage nach diesen Autos auf Verbraucherseite?

Die Nachfrage auf Verbraucherseite ist bereits nennenswert und nimmt weiter zu, vor allem in Ländern, in denen die Regierungen konkrete Massnahmen ergriffen haben. Globaler Spitzenreiter ist Norwegen, wo der Anteil der E-Autos an den Neufahrzeugen 2017 bereits bei 40% lag. Noch grösser ist natürlich die Bedeutung des chinesischen Marktes. Hier werden aktuell 50% der weltweit verkauften E-Fahrzeuge ausgeliefert, die meisten davon im mittleren Preissegment.

Ein Faktor, der die Verbrauchernachfrage in vielen entwickelten Märkten gedämpft hat, war das fehlende Angebot an verschiedenen Modellen für unterschiedliche Preisklassen und Ausstattungspräferenzen der Verbraucher. In Europa, den USA und dem restlichen Asien fehlt es noch an einer breiten Palette bezahlbarer E-Autos für das Mittelklasse-Segment. Hier dürfte sich in den nächsten Jahren aber einiges tun. Schon bald wird es für jeden Geschmack und jede Brieftasche das richtige Modell geben.

Wie gut schneiden E-Autos im Vergleich zu anderen verbrauchsarmen Alternativen wie Wasserstofffahrzeugen ab? Warum glauben Sie, dass E-Fahrzeuge den Kampf um den Massenmarkt gewinnen werden?

Wasserstofffahrzeuge bieten mehr Fahrkilometer pro Tankfüllung. Das ist ein nennenswerter Vorteil gegenüber E-Autos. Ausserdem können sie ähnlich wie Benzin- oder Dieselfahrzeuge innerhalb weniger Minuten neu betankt werden. Beim durchschnittlichen E-Auto nimmt der Ladevorgang hingegen deutlich mehr Zeit in Anspruch, vor allem, wenn keine Schnellladung durchgeführt wird.

Dafür sind Wasserstofffahrzeuge teuer und es fehlt immer noch an einer ausreichend ausgebauten, konkurrenzfähigen Wasserstofftankstellen-Infrastruktur. Dass sich auch Wasserstofffahrzeuge langfristig am Markt etablieren könnten, schliessen wir nicht kategorisch aus, sehen das aber auf kurze bis mittlere Sicht eher skeptisch. Als erstes könnten Wasserstofffahrzeuge auf Langstrecken zum Einsatz kommen, zum Beispiel im Bus-, Lkw- oder Schienenverkehr.

Staatliche Subventionen und preisliche Anreize werden schrittweise abgeschafft. Wie wichtig sind daher niedrige Strompreise für die relative Wettbewerbsfähigkeit von E-Autos?

Was der Benzin- oder Dieselpreis für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ist, ist der Strompreis für Elektroautos. Da ein Elektromotor zum Glück dreimal effizienter als ein Verbrennungsmotor ist, sind die relativen Kosten schon heute geringer.

Dass Strom vielerorts – zum Beispiel in Kalifornien oder Deutschland – teuer ist, stimmt. Die Möglichkeiten für eine Verbesserung dieses Kostenfaktors sind aber gross. Wir sind sehr zuversichtlich, dass günstige, erneuerbare und dezentral bereitgestellte Energie aus Solar- und Windkraft einen wichtigen Beitrag zur künftigen Senkung der Stromkosten leisten wird. So sind Anwendungen und Serviceangebote denkbar, bei denen Nutzer als Teil sogenannter "Solar-Gemeinschaften" ihre E-Autos günstig an Ladestationen aufladen können, die von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft bereitgestellt werden.

Wie werden sich die Popularität des Car-Sharings und staatliche Regulierungsmassnahmen zur Eindämmung des innerstädtischen Autoverkehrs auf die Nachfrage nach Elektroautos auswirken?

Staus, Lärm und Luftverschmutzung plagen die moderne Metropole. Car-Sharing ist sicherlich eine Lösung, um diesen Problemen zu begegnen. Durch Ansätze wie diesen wird sich auch die Mobilität vieler einkommensschwächerer Menschen verbessern. Marktschätzungen zufolge wird das Car-Sharing voraussichtlich ab Ende der 2020er Jahre grössere Auswirkungen haben und sich ab 2030 deutlicher in den weltweiten Absatzzahlen der Autoindustrie niederschlagen.

Nach 2030 könnte sich die absolute Zahl der Autoverkäufe stabilisieren. Bis dahin dürften neue, im Zusammenhang mit Car-Sharing- und Shared-Mobility-Angeboten stehende Geschäftsmodelle etwaige "Reifungseffekte" in Form sinkender Autoabsatzzahlen mehr als kompensieren. Untersuchungen von McKinsey zum Beispiel zeigen, dass durch neue Geschäftsmodelle rund um das Car-Sharing und die Konnektivität bis 2030 ein neuer, 1,5 Billionen Dollar schwerer Markt entstehen wird.


Autor: ase

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